Erfahrungsbericht einer Flüchtlingspatin anlässlich der ridato-Info-Veranstaltung am 23.2.2016

Die Flüchtlingsunterkunft im Röbeler Wünnowweg

Am Anfang waren 21 Menschen im Wünnowweg untergebracht – in 9 Zimmern, einer Küche und vier Toiletten, einer Badewanne und zwei Duschen. Es kamen jedoch noch weitere Flüchtlinge hinzu. Wie das gegangen ist, weiß ich bis heute nicht so genau. Es ging laut zu, sehr zum Ärger der Nachbarn. Aber wie sollen temperamentvolle Menschen sonst kommunizieren mit all dem Erlebten? Unterschiedlichste Berufe: Koch, Tischler, Taxifahrer, Student, Autoverkäufer, Lehrer, Automechaniker, Elektriker, Hausfrau und dazwischen auch Kinder, Gäste aus den anderen Wohnungen usw. usw. Die unterschiedlichsten Menschen, sowohl vom Alter als auch von ihrer Herkunft, aus unterschiedlichen Herkunftsorten und mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen haben sich an diesem Ort getroffen, auch mit anderer Religionszugehörigkeit. Das einzig Gemeinsame war ihr Herkunftsland Syrien. Sie hatten keine andere Wahl, als sich kennenzulernen und sie mussten auch uns kennenlernen.

Es gibt bis heute keine Vorhänge an den Fenstern, da keine Gardinenstangen und keine Gardinen da sind und die auch trotz dringlicher Bitten nicht kamen. Deshalb hängen bis heute Laken und Decken in den Fenstern. Die Sprache fremd und unverständlich. Die Straßennamen von den meisten nicht lesbar, da nicht in arabischer Schrift. Mülltrennung nicht bekannt. Alles musste gelernt werden. Sehnsuchtsort: der Briefkasten – Bescheide wurden erwartet, die jedoch nur mit Hilfe des Sozialbetreuers bzw. der Helfer verstanden werden können.

Die Handys bimmeln pausenlos und stellen den Kontakt zu ihren Familien her. Bieten Übersetzungsmöglichkeit, wenn z.B. die Helfer nicht verstanden werden. Diese Smartphones bilden die wichtigste Bezugsquelle von Nachrichten sowohl persönlicher als auch politischer Natur. Sie bergen Fotos ihrer Familien und Freunde, ihrer Heimat, ihres früheren Lebens. Auch ihre Dokumente haben sie darin archiviert. Manche haben auf ihrem Weg hierher ihre Familie verloren und waren dank dieser Handys in der Lage sie wiederzufinden. Eine hochschwangere Frau wurde von ihrem Mann getrennt, ein Familienvater mit seinem Sohn von seiner schwangeren Frau und seinen anderen 4 Kindern. Dank bisweilen unkonventioneller Aktionen sind nun alle wieder vereint.

Es war ein Kommen und Gehen im Haus. Nach und nach konnten nach Eintreffen der Bescheide zwei Ehepaare ausziehen und Wohnungen beziehen. Familiennachzug wurde beantragt und genehmigt. Und nun warten sie wieder.

Meine Tätigkeit beschränkt sich neben der Arbeit in der Kleiderkammer darauf, im Wünnowweg immer wieder vorbeizuschauen und zu sehen, wie die Stimmung ist oder was benötigt wird. Viele sprechen immer noch ausschließlich arabisch und nehmen leider das Angebot des Deutschunterrichts nicht genügend wahr. Hoffen auf einen Intensivunterricht, den sie dann in ihrem neuen Wunschort machen können. Manche sitzen da und büffeln von morgens bis abends Deutsch. Haben mittlerweile dank ihrer Handys auch andere Sprachkurse entdeckt und hoffen auf Menschen, die Zeit haben mit ihnen deutsche Konversation zu machen, um sich darin zu üben.

Allen ist jedoch eigen, dass sie in Kontakt sein wollen. Sie reden arabisch mit Händen und Füßen, mit aller zur Verfügung stehenden Mimik. Ich höre Ihnen aufmerksam zu und bin mir relativ sicher, dass ich sie in Vielem verstehe und habe das Gefühl, wenn ich deutsch antworte, verstehen auch sie mich. Kennen Sie die Situation mit Ihren Kindern in einem anderen Land zu sein und diese unterhalten sich und spielen auf einmal mit Kindern, deren Sprache sie nicht verstehen? So geht es mir. Was für ein Erlebnis! Ich verstehe Arabisch und manchmal liege ich auch daneben. Aber das geht mir mit meinen deutschen Mitmenschen manchmal auch so. Nun sind die ersten Kinder in der Schule und benötigen dringend Hausaufgabenhilfe.

Ich frage mich immer wieder, wie viele Träume inzwischen geplatzt sind – und zwar auf beiden Seiten. Wir alle wissen, dass uns diese Probleme noch nachhaltig beschäftigen werden. Viele der Menschen wollen wieder zurück nach Syrien, sollte dieser unerträgliche Krieg tatsächlich enden. Deutschland ist fremd und nur eine Möglichkeit, das eigene Leben zu retten und sie haben begriffen: Es ist nicht das Paradies. Sie sind dankbar für all die Hilfsbereitschaft der Helfer. Sie bedanken sich in Arabisch mit ihrem Lächeln, ihrer Herzlichkeit und mit Gesten, sowie mit Kaffee und arabischem Essen. Mit Desserts, an die ich früher nicht einmal zu denken gewagt hätte aus Angst, dass sich mein Gewicht vervielfältigt.

Sie haben mich vieles gelehrt, u.a. wie klein diese Welt auf einmal wird, wenn Frieden nicht selbstverständlich ist. Und was man tatsächlich benötigt, um sein Leben einigermaßen in Würde leben zu können. Sie können ihre Berufe nicht ausüben, können sich nicht in ihre Wohnungen oder ihr Haus zurückziehen. Sie haben das, was sie am Leib tragen und das hegen und pflegen sie, denn es ist das Einzige womit sie sich noch ganz fühlen. Sie zeigen ihre Ansehnlichkeit damit und hoffen, dass wir sie dadurch als angesehene Mitbürger achten können.

Als die Bescheide mit der Aufenthaltsgenehmigung kamen, sind bereits Familien ausgezogen. Am Ende dieser Woche werden es nur noch, wenn ich richtig gezählt habe, 7 Männer im Wünnowweg sein, da die große Familie mit ihren 6 Kindern von den Kellerräumen in eine richtige Wohnung ziehen kann, wo kein Schimmel mehr an den Wänden ist.

Ich wünsche all diesen Menschen viel Glück und danke ihnen, denn sie haben mein Leben bereichert mit vielen guten Erfahrungen.

Margit Meyer zu Siederdissen

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