Erfahrungsbericht einer ridato-Lehrerin 16.02.2016

Deutsch ist das „Ü & Ö“ oder Über das Glück, die deutsche Sprache vermitteln zu dürfen

Vor etwa einem halben Jahr stieß ich im Engelschen Hof in der Kleinen Stavenstraße 9-11 in Röbel auf einen Helferkreis zur Integration unserer neuen Mitbürger aus Syrien, Afghanistan, Albanien, Somalia, der Ukraine und Ghana.

Seitdem ist viel passiert.

Unter anderem haben wir es geschafft, in zwei parallelen Kursen jeweils dienstags-, mittwochs- und donnerstagsnachmittags den Geflüchteten Deutschunterricht zu organisieren. In der Woche bieten wir – seit November durch die VHS gefördert- für alle ausländischen Neubürger Deutschunterricht an. Dieser Kurs versteht sich als Vorbereitung auf den für alle Geflüchteten obligatorischen Kurs A1.

Ich bin, anders als meine Kolleginnen, mit meinem Kurs mittwochs nicht in die Räume des nahe gelegenen Schulcampus umgezogen, sondern blieb ganz bewusst in den Räumen des Engelschen Hofes zu Gast. Dort finden wir zwar nicht die alleroptimalsten Bedingungen vor wie in der Schule am Gotthunskamp, aber ich liebe diesen Ort, seine positive Ausstrahlung, seine netten Mitarbeiterinnen, die mich immer mit einem Lächeln und oft mit einem leckeren Milchkaffee begrüßen. Der Engelsche Hof, die ehemalige Synagoge, ist seit dem letzten Sommer mehr und mehr zu einem Ort der Begegnung für alle RöbelerInnen geworden, egal ob mit deutschem oder mit Migrationshintergrund. Hier werden alle Menschen wohlwollend empfangen.

Um allerdings überhaupt mit meinem Unterricht beginnen zu können, müssen alle Teilnehmenden kräftig mit anpacken. Die Stühle und Tische müssen stets neu angeordnet werden. Mein Stehpult muss hereingeschafft und mit der Hilfe starker Männerarme die riesige gespendete Tafel in den Unterrichtsraum gewuchtet werden. Eine der Teilnehmerinnen, ein 13-jähriges Mädchen aus Syrien, fühlt sich stets verantwortlich für die Säuberung der Tafel mit einem Schwamm.

Es dauert allerdings, bis alles am richtigen Ort ist. Bis alle sitzen, dauert es, bis alle still sind, dauert es noch länger. Meistens muss ich ziemlich deutlich um Ruhe bitten, bis sich die bunte Gruppe der Lernenden tatsächlich in den Unterrichtsmodus begibt. Es gibt ja so viel zu erzählen, ein letzter Blick aufs Handy, meine Ermahnung, dieses müsse nun aber wirklich auf „lautlos“ gestellt werden, solange wir hier lernen. Immer sind es die gleichen Abläufe. Plötzlich, ich hebe gerade an, endlich alle offiziell zu begrüßen, klopft es: Es ist mittlerweile ¼ nach drei. Und wieder hat es jemand nicht ganz pünktlich geschafft, hier zu sein. Also werden ein letztes Mal Stühle gerückt, Tische geschoben, Materialien ausgepackt. Eigentlich hat es auch der und die Letzte begriffen: Pünktlichkeit ist das A&O in Deutschland. Aber das ist leichter gesagt als getan…

Was jetzt folgt, ist das Beste, was ich als gestandene Lehrerin (mit mittlerweile 20 Berufsjahren auf dem Buckel) in meiner Tätigkeit bislang erleben durfte. Meine „Zöglinge“ sitzen begeistert, wissbegierig und mit fragendem Blick vor mir und hängen mir buchstäblich an den Lippen, versuchen zu verstehen, machen sich Notizen, führen Vokabellisten, helfen sich gegenseitig bei der Aussprache dieser vertrackten deutschen Wörter. Es liegt so viel Wertschätzung in ihren Blicken, dass ich jede Minute des Unterrichts genieße und mit keinem anderen Menschen tauschen möchte.

Ob wir nun Verben konjugieren, Dialoge lesen, den Röbeler Stadtplan erkunden oder uns gegenseitig unseren Tagesablauf beschreiben – in deutscher Sprache, wohlgemerkt – es ist ein Fest für mich, wie ehrlich und kontinuierlich sich alle bemühen. Was haben wir schon gelacht, wenn einige immer und immer wieder an der Aussprache der Laute ü oder ö verzweifeln. Dabei sind doch gerade diese Buchstaben und ihre Aussprache so wichtig: Schließlich wohnen wir doch alle in Röbel an der Müritz.

Es gibt so viele dieser lustigen und auch rührenden Momente.

Zwei davon möchte ich hier beispielhaft schildern.

Als wir uns zum wiederholten Male über unseren Tagesablauf unterhielten, konnte einer der Schüler, nachdem er seine Sätze gesprochen hatte, mir in super-1a- Deutsch erläutern, wie denn mein Tageslablauf aussähe. Ich hatte es ihnen in der Woche zuvor erzählt und somit erzählte er stolz: „ Du stehst um viertel nach fünf auf, dann duschst du, dann trinkst du Kaffee“, usw. Alles lachte, weil er sich alle diese Dinge so genau gemerkt und sie zudem auch noch richtig in der 2. Person Singular konjugiert hatte. Das ist Lehrerinnenglück pur.

Ein besonders fleißiger, aber extrem zurückhaltender Schüler hatte sich vor einigen Wochen einen Satz zur Verabschiedung für mich zurechtgelegt. Am Ende stand er in der Tür und sagte leise: „Auf Wiedersehen und danke meine Lehrerin.“

Das hat mich sehr gerührt und zeigt mir, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Es ist ein Vergnügen, diese Menschen unterrichten zu dürfen. Mich bereichern diese Begegnungen sehr. Ich lerne so viel und kann nur alle LeserInnen ermuntern, den Kontakt zu diesen Menschen zu suchen. Sie haben viel erlebt und haben jede Menge zu erzählen. Sie sind höflich, hilfsbereit und sehr dankbar für alles, was wir ihnen hier ermöglichen.

Eine gute Möglichkeit des Kennenlernens bietet sich für jedermann jeden Donnerstag um 15.30 Uhr im Engelschen Hof im Multikulturellen Café. Seien Sie dabei!

Sonja Suntrup