Sommerferien – wir fahren nach Berlin!

In den Sommerferien sollen auch unsere UmAs (unbegleitete minderjährige Ausländer) etwas von den Ferien haben – so dachte ridato und spendierte jedem einen Schülerferienpass aus Spendengeldern. Diese werden auch rege genutzt, vor allem um sich mit Freunden in Waren zum Baden zu treffen.


Auch ein Besuch der Burg Penzlin steht, dank Unterstützung von Dagmar Kaselitz, auf dem Plan. Da hätten wir schon gewarnt sein sollen. Denn Wessam legt einen missglückten Stunt an einem Treppengeländer hin und humpelt einige Tage mit Blessuren im Gesicht durch die Gegend. Aber wir, die Ersatz-Mamas Doreen und Katja, müssen ja unbedingt einen pädagogisch wertvollen Ausflug nach Berlin planen! Und damit meinen wir die Hauptstadt und nicht Neukölln, das arabische Einkaufsparadies, das einige schon gut kennen.

Also geht es los. Mit zwei Autos und acht Halbwüchsigen früh morgens zum Zug. Schnell noch frisches Brot vom Bäcker geholt, drei Taschen voller Frühstücksutensilien und Getränke und mit der obligatorischen Melone dabei. Die teils muntere, teils verschlafene Schar macht es sich im Zugabteil gemütlich und wird gleich beim Schaffner als verhaltensauffällig registriert: Fahrkarten nicht ausgefüllt und alle Taschen im Weg! Wir geloben Besserung und beginnen flugs gekochte Eier, Käsehäppchen, Gemüsefrikadellen, O-Saft, Rindswürstchen, Gurken und Nutella auszupacken. Da es ein gesundes Frühstück sein soll, darf Joghurt nicht fehlen. Der sich allerdings in freihändiger Öffnungsphase als Wurfgeschoss entpuppt. Ibrahim schafft es nach zehn Minuten Fahrzeit das Abteil in ein Schlachtfeld zu verwandeln, indem er einen halben Joghurt über seine Hose und den anderen halben auf Boden und Nachbarn verteilt. Die erste Packung Servietten wird geöffnet.

Unter der Androhung, sonst alles den ganzen Tag schleppen zu müssen, wird eine Dose nach der anderen geleert und dann rollt der Zug auch schon am Potsdamer Platz ein. Raus aus dem Keller und rein in das Sony-Center. Ein bisschen mit dem Mann mit Migrationshintergrund am Kartenhäuschen geflirtet und schon geht es mit zwei Familientickets gaaanz nach oben. Die pädagogisch wertvollen Hinweise, dass der Potsdamer Platz noch fast neu ist und dass es hier früher ganz anders aussah, dass wir jetzt mit Europas schnellstem Fahrstuhl fahren würden, wird mit einem euphorischen „Aha!“ kommentiert. Eine Runde Aussicht über ganz Berlin, den Tiergarten zu Füßen, die Gold-Else blinkt rüber – und was machen die Kids? Selfies mit so einem blöden Berliner Bären. Khaled verlangt nach einem Kugelschreiber, den ich ohne nachzudenken aushändige. „Das gehört sich aber nicht“ schimpft ein entrüstetes Ehepaar hinter meinem Rücken. Khaled hat Gefallen an der deutschen Sitte „ Ich war hier“ auf das Mauerwerk zu kritzeln. Wessam fragt: „Und was wollen wir hier?“ Augenrollen auf der Pädagogenseite. Schnell wieder runter.

Zu Fuß geht es dann an den Landesvertretungen vorbei zum Holocaust-Denkmal. Ich schare die Kids um mich und hole zu einer wohldurchdachten Einführung in die Bedeutung des Denkmals und die deutsche Geschichte aus. Sanft legt Hani seine Hand auf meine Schulter und sagt: „Katja, heute musst du nicht so viel reden, du hast frei!“ Mission gescheitert. Weiter zum Brandenburger Tor. Zwischen Hunderten von selfiestangenbewaffneten Touristen ist es nicht so einfach, die munteren Kids beisammen zu halten.

Mittlerweile ist es Mittag und die Sonne knallt auf den Platz. Für die amerikanische Botschaft und das Adlon interessiert sich hier eh keiner. Also ab zum Reichstag, der ihnen irgendwie bekannt vorkommt. „Hier werden die Gesetze gemacht, die auch über euer Schicksal entscheiden!“ kann es der Pädagoge in mir nicht lassen. Ab in den 100er-Bus, der sich eigentlich hervorragend für eine Stadtrundfahrt eignet. Eigentlich. Aber bei 50 Grad Innentemperatur schaffen wir es nur bis zum Alexanderplatz. Die Weltzeituhr zeigt für Damaskus die falsche Zeit an. Dafür begeistern die Jongleure mit ihren Glaskugeln uns alle.

Der Neptunbrunnen wird unser Picknickplatz. Alle Dosen wieder raus und Eier abgepellt. Schuhe aus und rein mit den Füßen in den Brunnen. „Achtung, der Boden ist rutschig. Hier nicht laufen!“ Zu spät. Ibrahim ist 30 Sekunden später schon das erste Mal ausgerutscht und halb nass. Er findet‘s lustig. Wir nicht, denn es hätte böse ausgehen können. Schuhe wieder an und an der Museumsinsel vorbei. Nur der kleine Akram interessiert sich für die alten Gebäude und fragt nach, als wir auf die immer noch sichtbaren Spuren des 2. Weltkrieges verweisen. Dankbar texte ich ihn mit zurechtgelegten Fakten zu. „Sind wir eigentlich Beduinen oder warum laufen wir so viel?“ fragt Khaled. Mein Blutdruck steigt. „Ich muss auf‘s Klo!“ sagt Timur. Ja toll. Das einzige Klo, das ich hier kenne, ist im Radisson Hotel. Prima Idee, da kann man gleich Fische gucken vom Sealife. Also wir alle rein in das Hotel. Lächelnd am Portier vorbei und der Reihe nach aufs Klo. Als Doreen und ich wiederkommen, liegen die Jungs fröhlich auf den Designerteppichen vor der Foyer-Bar und nutzen das kostenlose WLAN aus. Raus hier – aber schnell!

Den Plan, gemeinsam Eis essen zu gehen, hatten auch 1.000 Leute vor uns, so dass wir nirgends ein Plätzchen finden können. Die Kinder maulen. Es ist heiß. Die Ersatzmütter verlieren die Nerven und geben klein bei. Wir fahren mit der U-Bahn nach Neukölln. Kaum dort angekommen, wendet sich das Blatt. Die erschöpfte Jugend wird auf einmal munter und rennt durch die gewohnten Gefilde in den heißersehnten arabischen Supermarkt. Wir kommen kaum hinterher. „Wenn ich jetzt nicht gleich ein Eis kriege und mich hinsetzen kann, dann drehe ich durch!“ sage ich und stampfe mit dem Fuß auf. Erschrocken schauen sich die Jungs nun um, wo sie uns zwischenparken können. Keine Eisdiele oder Bar weit und breit. Gefühlt nur Handyläden und Friseure. Dann endlich ein kleiner Laden, früher wohl ein Fischgeschäft. Ist uns aber sowas von egal, wir wollen nur sitzen, Kaffee und Eis. „Arabischen Kaffee gibt es hier nicht“, sagt Khaled, der sich liebevoll um uns Deutsche kümmert und unsere Bestellungen übersetzt.

Was ist das für ein Land! Italienischer Kaffee in einem arabischen Viertel mitten in Deutschland, das auch Klein-Istanbul genannt wird und in dem man mit Euro bezahlt – aber viel weniger als in Röbel-Deutschland!

Ohne weiteren Zwischenstopp geht es zurück zum Hauptbahnhof, wo wir um zwei Minuten den Zug verpassen. Also warten. Direkt vor dem Media-Markt. Vier sitzende und sechs liegende Personen mit insgesamt 32 Plastetüten. Das muss den Wachschutz alarmieren, der uns auffordert zu gehen.

Fast wären wir noch in den falschen Zug eingestiegen, weil die DB eine neue Anzeige auf dem Bahnsteig hat, die aber nicht auf Verspätungen programmiert ist. Ein Wunder also, dass wir alle heil und vollzählig, aber völlig erschöpft gegen 22 Uhr wieder in Röbel ankommen.

Ich denke gerade noch, was für eine Scheißidee an so einem heißen Tag mit so einer Meute nach Berlin zu fahren, da sagt Hani zur Verabschiedung vor der Haustür: „Das war ein toller Tag heute! Danke!“
Stimmt!

(Kathrin Grumbach, September 2016)