Wieder in Mecklenburg-Vorpommern

Der 30. Juni war, nach fast 2 Jahren Aufenthalt, mein letzter Tag in Röbel in Mecklenburg-Vorpommern, nachdem ich meine Entscheidung getroffen hatte, diese kleine Stadt und meine schöne Wohnung und viele gute Kontakte zu Flüchtlingen und Deutschen zu verlassen.

Ich habe den Schritt in eine große Stadt zu ziehen gemacht, um einer Ausbildung zum Mediendesigner (oder wenigstens einen B2 Kurs) zu finden, nachdem ich in Röbel zwar viele Bewerbungen zu vielen Firmen geschickt hatte,  aber nur Absagen oder keine Antworten bekommen habe.  Ich habe meine Wohnung fristgerecht gekündigt und alle Behörden über den Umzug informiert.

Meine nächste Station war Herne, eine Stadt in Nordrhein-Westfalen, dort  habe ich eine kleine Wohnung  gefunden und ich dachte, alles wird gut werden.

Ich ging in die Wohnungsgesellschaft einen Mietvertrag zu  unterzeichnen, nachdem ich die Genehmigung des Jobcenter erhalten hatte. Tatsächlich war dieses überhaupt nicht so einfach, weil es sehr, sehr viele Flüchtlinge in Nordrhein-Westfalen gibt. Die Mitarbeitern/innen in den Behörden sind völlig überlastet und deswegen sind die Mitarbeiter nicht so höflich mit den Menschen. Sie haben kein Verständnis für uns Flüchtlinge und es ist offensichtlich, dass sie nicht noch mehr Menschen dort haben wollen.

Nachdem ich zwei Wochen alle Anträge abgegeben hatte, fing ich in der neuen Wohnung  mit Renovieren an. Dann habe ich Post vom Jobcenter bekommen, dass ich zuerst zur Ausländerbehörde gehen muss, bevor ich Geld bekomme. Wegen der Überprüfung der Wohnsitzauflage, obwohl ich vorher die Ausländerbehörde in Neubrandenburg gefragt hatte. Das war ja der erste Schritt für mich, als ich aus Röbel wegziehen wollte. Sie haben mir geantwortet, dass ich in andere Bundesländer umziehen darf und ich keine Wohnsitzauflage habe. So steht es auch auf meinem Ausweis! Ich kann also ohne Bedingungen umziehen, weil mein Bescheid für Asylanerkennung vom BAMF am 14.12.2015  ausgestellt war, ich also auch ohne Ausbildungs/ Arbeitsvertrag umziehen darf. Aber die Ausländerbehörde in Herne sagt, das darf ich nicht, weil ich eine Wohnsitzauflage habe und die Ausländerbehörde in Neubrandenburg mich falsch informiert hat. Mein Asylbescheid ist zwar von 2015, aber das Urteil ist erst im Januar rechtskräftig geworden. Damit hätte die Ausländerbehörde Neubrandenburg nachträglich eine Wohnsitzauflage schriftlich erteilen müssen.

Durch diese falsche Aussage kam ich nun in große Schwierigkeiten. Ich habe viel Zeit und viel Geld verloren und 3 Monate voller Zweifel gelebt.

Ich habe alles versucht, um meine Probleme zu lösen. Ich bin  zu vielen Organisationen gegangen, die sich um Flüchtlinge kümmern, aber sie konnten nichts dagegen machen, außer einen Briefe zur Bezirksregierung  zu schicken. Der Brief  ist bis heute nicht beantwortet .Danach habe ich eine Beschwerde zum Bürgerbeauftragten der Stadt Herne geschickt, aber er konnte oder wollte auch nicht helfen.

Eine Freundin stand an meiner Seite und sie hat mir viele Male zu helfen versucht, indem sie den Ausländerbehörden in Neubrandenburg und Herne  E-mail geschickt und telefoniert hat, um meine Situation zu erklären und Antworten zu finden.

Dann hat mein alter Sachbearbeiter von der Ausländerbehörde Neubrandenburg eine Beschwerde E-mail an das Innenministeriums Schwerin gesendet, um einen Aufhebungsbescheid der Wohnsitzauflage zu erwirken. Es ging nicht.

Ich habe mich bei vielen Firmen in NRW beworben, da ich mit einer festen Arbeit in Herne hätte bleiben können. Aber da ich keinen Vermittlungsschein vom Jobcenter  bekommen habe, hatte ich keine Chance.

Endlich fand ich eine Arbeit, aber ich hatte keine Krankenversicherung. Wieder gab es Probleme.

Ich bin zum Amtsgericht gegangen, um gegen das Jobcenter zu klagen, denn es wurden immer mehr Schulden. (Im Gesetz steht, das Jobcenter muss mir Geld zum Leben geben, auch wenn sie glauben nicht zuständig zu sein. Sie können das Geld dann später ja zurückfordern. Aber ich muss doch essen!)

Ich traf dort eine Rechtspflegerin, die meine Situation verstanden hat und mir einen Beratungsschein gegeben hat. Damit konnte ich einen Rechtsanwalt einschalten.

Parallel dazu hatte ich viele Selbstzweifel und keine Hoffnung. Das größte Problem waren die Schulden. Gegenüber der Hausverwaltung und der Krankenkasse. Freunde liehen mir Geld, damit ich Essen kaufen und die vielen, vielen Fahrkarten kaufen konnte. Ich war ja jeden Tag zu Behörden oder auf der Arbeitssuche unterwegs.

Nach 3 Monaten in dieser schwierigen Situation hatte ich keine Kraft und Hoffnung mehr, dort bleiben zu können.

Ich überlegte im Ernst wieder nach Mecklenburg-Vorpommern zurückzugehen. Wo sollte ich denn sonst hin? Ich habe mich dann entschlossen, nach Schwerin zu gehen, denn dort hatte ich syrische Freunde, die mir helfen konnten. Nachdem ich meine Koffer gepackt hatte, bin ich zum Anwalt gegangen, um ihn über meine Entscheidung zu informieren. Als ich da war, sagte er, dass ich den Fall gewonnen habe und das Jobcenter die Mietkosten und das Geld zum Leben für mich bezahlen muss. Trotz der neuen Information bin ich bei meiner Entscheidung geblieben. Ich habe zuviele schlechte Erfahrungen in NRW gemacht und finde, dass man sich in M-V besser integrieren kann und willkommen ist.

In Schwerin angekommen, lief mein Verfahren sehr schnell durch alle Behörden und es gab überhaupt keine Probleme. Das hat mich darin überzeugt, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. In wenigen Tagen beginnt mein B2 Kurs und eine Ausbildung finde ich danach bestimmt auch bald.

Man muss immer alles versuchen, um weiter zu kommen. Aber die Behörden, und ganz besonders in NRW, machen es einem nicht einfach dabei.

Bei meinem ersten Besuch in der Ausländerbehörde in Schwerin haben sie mir einen Rucksack geschenkt. Darauf steht Schwerin macht glücklichEigentlich ist das (bisher) die Wahrheit.

In die Stadt Schwerin hatte ich mich schon beim ersten Besuch vor langer Zeit verliebt. Am Ende gewinnt also immer das Herz.

 

Autor : Husam Al Shattali